Kapitulation

Herzlichen Glückwunsch. Ihr Landkreis wurde aufgrund der höchsten Inzidenz als Modellregion* ausgewählt…und eine weitere Woche bleiben Kita und Schule geschlossen. Was ich wirklich darüber denke, traue ich mir mitlerweile nicht mehr, zu schreiben. Meine direkte Art hat mich die letzten zwölf Monate schon viel gekostet. Am Montag ist jedenfalls Frauentag und was in diesem Land vor sich geht, hat mit Gleichberechtigung schon lange nichts mehr zu tun. Ich würde gerne jedes beschissene INNEN gegen Kinderbetreuung eintauschen…

(* unser Landkreis soll wohl aufzeigen, wie gut die Testerei von Kindern, Lehrern und Erziehern funktioniert, die Ausbreitung zu kontrollieren.)

Inzwischen wird der bald Zweijährige regelmäßig von mir vorm Fernseher geparkt. Am Tablet bedient er sich sogar selbst. Das muss ich ihm noch nicht mal geben. Und das hat auch nichts mit wichtigen Dingen zu tun, die ich erledigen muss. Da geht es mir einfach nur darum, eine halbe Stunde keine Katastrophe abwenden zu müssen. Einen Treppensturz hatten wir gleich zu Beginn der Woche, weil ich keine zwei Kinder gleichzeitig die Treppe runtertragen kann. Und wenn es dann der großen Schwester nicht schnell genug geht, dann nimmt der kleine Bruder eben die Stufen kopfüber. Zum Glück alles heile geblieben.

Während ich gestern das Bad putzte, weil der Uringestank vom Klo nach drei Wochen extrem abstoßend und peinlich wurde, hat mir Missjö alle Wachteleier, die als Osterdeko gedacht waren, geschält und in der Küche verteilt. Tja, selber Schuld, wenn der Fernseher aus bleibt.

An Mittagsschlaf für Missjö ist nicht zu denken. An Ausruhen für mich ja schon lange nicht. Ein paar Tage hat es gut funktioniert, die Hunderunde auf den späten Vormittag zu verlegen. Dann schlief er neben seiner neuen Schwester in der Karre ein. Das klappt nun auch nicht mehr. Da ich es nicht über mich bringe, das schreiende Baby in einem anderen Raum zu parken, während ich mittags 30, 40 Minuten damit zubringe, Missjö in den Schlaf zu begleiten, bleibt er also wach. Das erhöht am Nachmittag seine Sturzfrequenz zwar enorm, aber anders ist es nicht zu bewerkstelligen. Den Knopf zum Synchronisieren der Kinder habe ich leider bisher nicht finden können. Falls jemand n Tipp hat? …

Ja, so n Kita-Platz wäre schon was wert. Also so ein richtiger, der auch tatsächlich genutzt werden kann.

Schade auch für Ottilie, meine Aufmerksamkeit vom ersten Moment an, ununterbrochen teilen zu müssen. Babyschwimmen, Krabbelgruppe…das sind alles Träume aus einer anderen Zeit. Ein paar Minuten ungestört mit meiner kleinen Tochter sind eben nur drin, wenn für Missjö der Fernseher läuft.

Und wer glaubt, die jüngsten Kinder seien aufgrund der fehlenden Energie und Aufmerksamkeit ihrer Eltern pflegeleichter, der täuscht. Ottilie kommt locker auf drei Stunden Geplärr am Tag. Spätestens um fünf fängt die Nörgelphase an. Ab sieben wird geschrien oder getrunken. Das ganze geht bis mindestens zehn. An schlechten Tagen geht das Programm zum Frühstück weiter. Wenigstens sind die Nächte seit einer Woche gut. (Ich traue es mir kaum, aufzuschreiben…hoffentlich bleibt das so) Mit Rausche-App, gepuckt und gebettet ins Stillkissen schläft sie manchmal bis halb fünf von ca. halb elf, elf an. Wirklich ein Traum!

Und eine Bemerkung noch: Wirklich krass, was manche Frauen auf sich nehmen, ihre Kinder bis sie drei Jahre alt sind (oder länger), alleine zu Hause zu betreuen. Für mich war das immer eine Horrorvorstellung. Und sie bestätigt sich gerade. Mit Möglichkeiten, wie Schwimmhalle, Elterntreff, ab und an Indoor-Spielplatz, kann man vieleicht seine Freude dran finden. Unter diesen Umständen jedoch ist es einfach nur ätzend. Momentan kann ich wirklich niemanden gerecht werden. Den Kindern nicht und mir erst recht nicht. Für die eigenen Bedürfnisse ist in solch einem Leben schon gar kein Platz mehr.

9 thoughts on “Kapitulation”

    1. Na, wegen „Mutti macht das schon“. Wenn die Care Arbeit fair aufgeteilt oder gar hauptsächlich Männersache wäre, dann wären als allererstes die Kitas auf oder nie geschlossen worden. So wird das, zusammen mit hämischen Sprüchen (wozu bekomme ich denn Kinder, wenn ich sie dann abschiebe), einfach den Müttern aufgehalst. Denn diese verdienen weniger – gender pay gap – und werden auch noch durch das Ehehgattensplitting in die Abhängigkeit gedrängt. Ein Familienbild wie 1950. Einfach nur schrecklich!!!
      Der Lockdown wirft uns Jahrzehnte zurück.

      1. HM, vermutlich ist mir das etwas fremd, weil ich die Rabenmutter bin, die so viel arbeitet und dem Gatten dann nur sporadisch mit Haushalt und Kind hilft. 😅 Aber tatsächlich gibt es bei uns etliche die sich die Care-Arbeit gut aufteilen, vor allem, wenn beide etwa gleich verdienen. Und auch mit ganz unterschiedlichen Modellen… manche 50:50, andere 70:30 aber dafür im jährlichen Wechsel, zwischen Teilzeit und Vollzeit. Und wir verzichten z.B. auf das Splitting, damit mein Mann ebenfalls einen vernünftigen Lohn bekommt, auch wenn er deutlich weniger verdient. Dafür bekommen wir halt entsprechend hohe Rückzahlungen bei der Steuer… das Splitten ist ja nur notwendig, wenn man laufend mehr Geld pro Monat haben will, rechnerisch ist es letztlich egal, ob man splittet oder es sich bei der Steuer zurückholt. Und grundsätzlich ist es für den, der weniger verdient auch bezüglich Krankengeld oder ALG 1 sinnvoller, nicht zu splitten. Diese Argumentation ist ja völlig unabhängig vom Geschlecht.

        1. Du sagst es ja schon, die Rabenmutter, die viel arbeitet. Das ist das Gesellschaftsbild! Und natürlich ist es hier mit einem Augenzwinkern gedacht, aber jede/r weiß doch sofort, was gemeint ist.
          Wir arbeiten beide Vollzeit, trotz mehrerer Kinder und verdienen fast das Gleiche. Das ist ein Modell, welches steuerlich überhaupt nicht begünstigt wird. Im Privaten bin ich auch sehr zufrieden mit der Aufteilung der Care Arbeit, nichtsdestotrotz stört mich das Frauenbild in Politik und Gesellschaft massiv! Familien haben keine Lobby und die 150 Euro Coronabonus sind auch nicht mehr als ein lächerlicher Versuch sich freizukaufen.
          Und als verbeamtete Person hat man deutliche Privilegien, die anderen Menschen nicht zur Verfügung stehen. Es ist wahnsinnig toll jedes Jahr unabhängig entscheiden zu können, wieviel ich arbeite und unkündbar zu sein. Den wenigsten geht es allerdings so und all diese meine ich mit.

          1. Ja tatsächlich ist die Durchsetzung dieser Interessen auf dem freien Arbeitsmarkt natürlich deutlich schwieriger. Dennoch empfinde ich das gesellschaftliche Bild nicht so dramatisch schlecht- vielleicht aber auch einfach, weil mein eigenes Bild eben ein anderes ist. Für mich war es als Kind im Osten völlig normal, dass Frauen voll arbeiten. Allerdings stimmt es natürlich, dass Familien in unserem Staat oft als Letztes Bedacht werden. 😒

    2. Es mag nicht für alle Familien zutreffen, in den meisten bleiben jedoch die Frauen daheim und reiben sich zwischen Kinderbetreuung, Homeschooling und Home-Office auf. Ich kenne Frauen, die haben -lange vor Corona- ihren Job an den Nagel gehängt, als das Kind zur Schule kam, um „Nachhilfe“ zu geben. Wie wird das sein, wenn die Schulschließungen im kommenden Jahr fortdauern? Viele Frauen werden ihre Unabhängigkeit, ihren Wohlstand opfern, um den Kindern auch noch eine gute Lehrerin zu sein.

      1. Grundsätzlich gebe ich dir damit natürlich recht, allerdings ist das ein Problem, welches jedes Paar und jede Frau individuell aushandeln muss. Sicherlich sind es oft die Frauen, die die Care-Arbeit übernehmen, aber dies hat für mich nur wenig mit politischem Einfluss zu tun. Ich finde, es gibt hier schon einige Möglichkeiten, aber viele Männer weigern sich einfach diese zu nutzen- oft auch einfach unter dem Vorwand, der beruflichen Schädigung, denn tatsächlich trifft die erfolgreiche Frauen ja gleichermaßen. Hier braucht es ggf. einfach auch mehr Forderungen an den Partner… vor allem, wenn man finanziell sicher da steht.

        1. Aber es ist doch ein Unding, dass es den Familien einfach aufgebürdet wird. Hier liegt doch das Problem!!! Natürlich macht es dann der)/die, de/die weniger verdient oder einfacher reduzieren kann. Aber man kann diese ganze Zusatzarbeit doch nicht kommentarlos in die die Familien schieben! Es wird Zeit für wirklich bezahlte Freistellung für die Care Arbeit und vernünftige Konzepte – eben nicht nur lüften und beten

        2. Ich sehe hier auf dem Handy leider nicht, wer wem geantwortet hat und an welcher Stelle mein Kommentar stehen wird 😉 definitiv muss innerhalb der Partnerschaft vieles ausgehandelt werden. Darum ging es mir nicht. Es geht mir viel mehr um die extreme Belastung für die Familien durch den Betreuungslockdown. Es geht einfach nicht, von zu Hause zu arbeiten, wenn (kleine) Kinder hier rumspringen. Und das Kind dann auch noch beschulen zu müssen, funktioniert für viele Eltern überhaupt nicht, selbst wenn der Tag 8 Stunden mehr hätte. Meine Vermutung ist, dass eher Frauen beruflich zurück stecken werden, sollte dieser Zustand noch ein Jahr länger andauern. Denn viele Familien stehen extrem schlecht da, sollte ein Verdiener ausfallen. Und da Frauen in der Regel weniger verdienen, als ihre Partner, werden die Familien auf das geringere Gehalt verzichten.

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