Fünf Monate

Am 15. Oktober ist unsere kleine Madame fünf Monate alt geworden. Fünf Monate, die unser Leben komplett umgekrempelt haben. Rückblickend muss ich gestehen, dass das die schwierigsten und ja…leider sogar die schlimmsten Monate meines Lebens waren. Und auf einmal wird mir klar, woher all die Karrierefrauen mit Kind kommen, die nach Ablauf der Wochenbettfrist wieder stramm stehen. Was hätte ich in den ersten Wochen nach der Geburt darum gegeben einen Job zu haben, in den ich mich hätte flüchten können, vor dem Geschrei, der Überforderung, den schlaflosen Nächten, den platzenden Brüsten. Aber es gab nichts, was ein Davonlaufen legitimiert hätte. Also bin ich geblieben und habe die Zähne zusammengebissen und geflucht und geflennt. Darüber, dass ich ein Schreikind habe, dass ich so schwach bin und nichts aushalten kann.

Die vergangenen sechs Wochen haben wir in der Tagesklinik für crazy Moms verbracht. Unsere Diagnose -wenn man das so nennen kann- lautet im Großen und Ganzen: Regulationsstörung. Im Prinzip hat sich damit bestätigt, was ich, seit dem ich mein Kind kenne, schon beobachtet habe. Das ausdauernde Schreien, die Schwierigkeiten in den Schlaf zu finden, sind alles Symptome desselben Problems. Sie ist nicht in der Lage sich selbst zu beruhigen. Was ich mir allerdings erst während der letzten Wochen eingestehen musste, ist, dass ICH es nicht schaffe ihr die Sicherheit zu vermitteln, die sie für eine Selbstregulation benötigt. Irgendwann sind wir in einen Teufelskreis geraten, in dem wir uns in unserer Anspannung stets und ständig gegenseitig hochschaukeln. Ob das bereits einen Tag nach der Geburt, als die ersten Stillprobleme auftraten, begann, ist unklar. Doch ganz egal, seit wann wir auf diesem Kettenkarussell gefesselt sind, wichtig ist nun, das Ding anzuhalten und den Ausstieg zu schaffen. Gemeinsam mit den Therapeuten und den Helfern im Alltag haben wir ein Konzept erarbeitet, das mir helfen soll, mir im Alltag Freiräume und Pausen zu schaffen.

Heute ist vieles einfacher. Die Kleine schreit bedeutend weniger. Wenn sie neuen Gesichtern begegnet, lacht sie sogar so viel, dass sie bei Bekannten als kleiner Sonnenschein gilt. (Bei allen anderen, die sie seit ihrer Geburt kennen, muss sie sich diesen Ruf allerdings härter erarbeiten.) Motorisch ist sie top fit und den Erwartungen für diesen Lebensmonat weit voraus. Nachdem sie sich nun schon einige Wochen drehen kann, übt sie jetzt fleißig den Vierfüßlerstand. Und ich bin für jeden Entwicklungsschritt ehrlich dankbar, da ich das Gefühl habe, dadurch ein ausgeglicheneres Kind zu bekommen, was wiederum mir mehr Freiheit zurückgibt. Die Nächte sind nach wie vor unberechenbar und bisweilen durch stündliche Unterbrechungen gekennzeichnet. Das ist für mich immernoch die Hölle und es ist einfach lebensnotwendig, sich in diesen Situationen einen Notfallplan zu erarbeiten. Derzeit übernimmt mein Mann bis drei Uhr. Danach bin ich an der Reihe. Die letzten beiden Wochenenden haben wir bei meinen Eltern verbracht, sodass ich unser frühes Vögelchen ab fünf Uhr hätte abgeben können. Tatsächlich war das gar nicht notwendig, denn interessanter Weise schläft das Froillein im ländlichen Raum tendenziell besser und länger. Ob das nun mit der deftigen Landluft frisch gedüngter Felder oder der kleinstädtischen Idylle zu tun hat, ist fraglich. Vielmehr bin ich überzeugt, dass sich unsere Entspannung auf die Kleine überträgt. Denn letztlich spiegelt ein Kind nicht nur die negativen Emotionen seiner Eltern.

5 thoughts on “Fünf Monate”

  1. Ich finde es toll, dass du darüber schreibst, dass die vergangenen Monate nicht die schönsten deines Lebens waren (was natürlich nicht heißen soll, dass ich dir das nicht gewünscht hätte). Aber man liest fast ausschließlich von Müttern, die nur im Glück schweben und jedes Lächeln allen Stress vergessen macht. So ist es aber nicht immer.
    Was machst du denn jetzt anders, dass dir schon weitergeholfen hat?

    1. Über die unangenehmen Seiten der Mutterschaft spricht halt niemand wirklich gerne und mal ganz ehrlich, wer von uns hätte während der Schwangerschaft tatsächlich zugehört, wenn uns eine frischgebackene Mutter von Ihren Sorgen erzählt hätte?

      Am besten ich schreib mal n kurzen Abriss über “Was uns geholfen hat” 🙂

      1. Hm, das kann sein, ich hab nur manchmal das Gefühl, dass es unangenehme Dinge nur bei mir gibt. Obwohl….ich hab hier mit anderen Muttis zu tun hab, mit denen man sich gut autauschen kann.
        Ja, so ein Artikel ist sicher interessant!

  2. Was man aus deinen Zeilen herausliest, kommt mir sehr bekannt vor. Nämlich, dass die Kleinen sich selbst regulieren lernen müssen. Und eben nicht wir als Mütter das tun. Also die Sicherheit für das Ganze geben, aber eben auch nur das, den Rest müssen die Knirpse selbst schaffen. Als ich das in meiner Therapie gehört hab, hat mir das alleine gedanklich viel erleichtert.

    1. Ja, das stimmt. Letztlich müssen die Kinder es selbst schaffen sich zu regulieren und die Sicherheit, die wir unseren Kindern dabei vermitteln ist wirklich entscheidend. Aus der Verantwortung können wir uns also nicht vollständig zurückziehen 😉

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