Goodbye Leberwurst

Seitdem ich schwanger bin, habe ich das Gefühl einer streng-religiösen Sekte beigetreten zu sein, die sich die Entsagungen aller Glaubensrichtungen auf die Fahnen geschrieben hat. Noch nie in meinem Leben habe ich mich durch Verbote derart eingeschränkt gefühlt und einschränken lassen. Dass rohe Tierprodukte, Alkohol und Kippen tabu sind, ist mir klar gewesen. Dass die Liste an Lebensmitteln, die eine Schwangere nicht zu sich nehmen darf, jedoch ein 3. Testament füllen könnten, hat mich ungelogen überrascht. Eigentlich kann ich mich nur noch von Bananen und Trockenbrot ernähren. Da bin ich wenigstens auf der sicheren Seite. Da ist kein rohes Ei versteckt, da hat kein Listerientier drauf gekackt. Nun wurde mir vom Weisheit spendenden Internet auch noch die Leberwurst verboten. Und warum? Ja, weil da Leber drin ist. Dussel! Das sagt ja schon der Name: L-E-B-E-R-Wurst! Und Leber ist voll gepackt mit bösen Vitamin A! Ja, genau! Auch Vitamine können böse sein! Denn der kleine Bauchbewohner kann von zuviel Vitamin A Missbildungen bekommen. Außerdem ist dieses Ding die Müllkippe unseres Körpers, die ASSE unter den Organen. Hier landet alles, womit der Körper nichts anfangen kann und sollte, zum Beispiel Schwermetalle. Also was bleibt da groß übrig für das Abendbrotschnittchen? Käse! Käse? Ist in Ordnung und reich an Calcium, was für heparinspritzende Schwangere umso besser ist. ABER nur, solange er aus pasteurisierter Milch und ohne Schmierfilm-Bakterien hergestellt ist. Camembert gehört daher ebenfalls zu den Rote-Liste-Käsesorten! Ebenso wie Harzer Roller und Tilsiter. Tilsiter!!! Die Welt ist schlecht! Mortadella war mein wurstiger Strohhalm an den ich mich die letzten Wochen geklammert habe. Doch auch mit dem kann eine Schwangere untergehen. Denn Mortadella ist in Wirklichkeit eine Fettadella. Und wie mir meine App jeden Tag predigt, ist es unabdingbar, sich gesund zu ernähren und nicht zu viel Fett und Kohlenhydrate zu sich zu nehmen. Ohne meine Schüssel Cornflakes am Nachmittag oder sogar zur Nacht könnte ich allerdings keinen einzigen Blogeintrag mehr schreiben. Ich läge sonst als hirntoter Zombie im hypoglykämischen Zustand irgendwo im Wald. Vielleicht hätte mich mein Hund aufgegessen oder irgendein mutterloses Bambi zerfleischt. Viel Kohlenhydrate sind derzeit nämlich immer noch zu wenig. Sobald ich für zwei Stunden nichts zwischen die Kiemen bekomme, wird es mir hundeelend und ich muss zusehen, die nächste Zuckertankstelle zu finden. Mittlerweile gehe ich nur noch mit Banane, Schokoriegel oder Dextropur bewaffnet aus dem Haus. Ohne wirds kritisch.

So langsam frage ich mich, wie es die Menschheit überhaupt bis ins Zeitalter von Sagrotan und Hygieneamt geschafft hat. Allein der Gang einer schwangeren Frau durch eine mittelalterliche Gasse, in der soeben die Nachttöpfe entleert wurden, müsste dem Ungeborenen nachhaltig geschadet haben. Und woher kommen eigentlich die Abermillionen Inder?

Im übrigen können Schwangere ihr Trinkwasser unter Vorlage ihres Mutterpasses hier in Hamburg vom Wasserversorger kostenlos auf Blei überprüfen lassen. Das könnte bei den hiesigen 70er Jahre Schrottbauten durchaus von Nutzen sein.

Nachtrag: Peinlicher Fauxpas! Es sind natürlich Legionellen, die im Trinkwasser gefunden werden. Keine Listerien, wie ich in der 1. Version des Beitrages geschrieben habe! Und diese Legionellen sind nur dann gefährlich, wenn sie im Aerosol vorkommen und eingeatmet werden. Trinken kann  man sie, (fast) so viel man will. Für Schwangere ist es aber dennoch bedeutsam, möglichst legionellenfrei zu duschen 😉

3 thoughts on “Goodbye Leberwurst”

  1. Was für ein Schwachsinn. Ich rate mal schwer dazu, das Internet und irgendwelche Ratgeberhefte bis zur Geburt abzuschaffen. Es gibt zig Millionen Eltern, die keinen Deut auf solche Dinge geben und kerngesunde Kinder haben. Ich hab drei kerngesunde Kinder – so nebenbei bemerkt und bei uns gibt es nicht mal Sagrotan im Haushalt 😉

    1. Ich weiß, mein Lieber! Du hast so Recht! Allerdings habe ich in meiner Kreißsaal-Hebammenschülerinnen-Zeit sehr verstörende Dinge erlebt, die mich zu dem gemacht haben, was ich nun bin. Mega-Hypochonder! 🙂 Gelobe Besserung!

      1. Besserung geloben ist eine gute Sache – wenn man sie auch einhält 😉

        Gerade wenn man komische Sachen erlebt hat, sollte man doch wissen, alles nur halb so wild 😉 Wie weit bist du denn überhaupt? Musst noch lange aufs Ergebnis warten?

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