Freispruch für Schreikind-Eltern

Das Schreien unseres kleinen Kerls hat täglich zugenommen, sodass wir die Problematik bei der U3-Untersuchung angesprochen haben. Ganz anders als damals beim kleenen Froillein wurden wir von unserer Kinderärztin erhöhrt und bekamen den Tipp, es mit BiGaia-Tropfen zu versuchen. Diese Tropfen enthalten einen Bakterien-Stamm (Lactobazillus reuteri), der die Darmflora sanieren soll. Und tatsächlich lassen die abendlichen Koliken nach nun zweiwöchiger Einnahme nach. Der Muttermilchstuhl riecht, wie ich finde jetzt auch eher Joghurt-säuerlich (fruchtig aromatisch, wie es im Lehrbuch steht) statt neutral muffig bis fischig.

Bei meiner Recherche über dieses Präparat ist mir aufgefallen, dass es bereits 2014 auf dem Markt war. Daher frage ich mich, weshalb uns niemand empfohlen hat, das Schreien auf diese Weise anzugehen. Vielmehr gab es nur zwei Antworten: Das geht irgendwann vorbei und ich solle mich entspannen. Mittlerweile werden wir Eltern von Schreibabys rehabilitiert. Es liegt nicht an uns. Zumindest nicht ursächlich. Dass sich nach Nächten des Durchwachens und Schreiterrors eine gewisse Unentspanntheit einstellt, ist wohl nicht verwunderlich. Sehr schön fand ich die Antwort von Dr. Rüdiger Posth in einem Forum (www.rund-ums-baby.de) zum Thema Schreikind, die ich hier gerne zitieren möchte:

„Hallo, es ist nach wie vor unerklärlich, wieso die kinderärztliche Zunft sich dem Problem der Blähungskoliken und der mit Schmerz verbundenen Angst verschließt. Wenn dann Eltern mit dem Problem nicht mehr fertig werden, wird ihnen dann auch noch unterstellt, sie seien selbst Schuld an dem Zustand. Es passieren dann natürlich auch Fehler wie z.B. das ständige Füttern, das die Problematik für den Säugling nur weiter verstärkt. Das Kind hat immer mehr Schmerzen, es spürt, dass ihm nicht geholfen wird, es bekommt immer mehr Angst, es schreit stärker und die Mütter sind verzweifelt und stopfen in ihr Kind immer mehr hinein, angetrieben von der Falschbehauptung, ihr Kind habe Hunger.Ein Teufelskreis entsteht. Am Gewicht sieht man dann, wohin das führt.
Warum und wie Säuglingskoliken entstehen, dazu bitte im gezielten Suchlauf unter „Säuglingsschreien und Scheibaby“ lesen. Koliken, Angst, Schreien und Verunsicherung der Eltern schaukeln sich gegenseitig hoch. Nur selten ist ein Säugling vom Temperament her so schwierig ausgestattet, dass das Schreien Ausdruck seiner Veranlagung ist. Nur in diesem Fall sind Elternberatung und Gesprächtherapie nötig. In allen anderen Fällen genügt es, die Darmproblematik zu behandeln. Ich mache mit Entschäumern in Verbindung mit Pipenzolat-Tropfen. die aber beommen Sie nur in der Löwen-Apotheke in Berg. Gladbach. Nehmen Sie dazu bitte Kontakt mit meiner Praxis auf. Gegebenenfalls braucht man auch noch eine Beeinflussung der Darmbesiedlung. Ich verschreibe Mutaflor-Susp. Neuerdings machen Bigaia-Tropfen von sich reden. Ihr Effekt dauert. Erst wenn das alles nicht hilft, sind Gespräche notwendig (auch über den sozialen Hintergrund). Zu bedenken ist, dass ein Säugling so schnell nicht wieder zur Entspannung zurükkehrt, wenn es einmal so weit gekommen ist. Viele Grüße

Antwort von Dr. Rüdiger Posth am 27.08.2014″

Im Jahr 2014 (dem Geburtsjahr meiner Tochter) erschienen noch mehr Artikel, die uns Eltern freisprechen von der Schuld, am Schreien unserer Babys Schuld zu sein. Mir vermittelte man damals ein ganz anderes Gefühl. Eher nach dem Motto: „Nun ja, von Schuld würde ich nicht sprechen…aber entspannen Sie doch Mal.“

Wir sind mit dem Kleenen Froillein durch die Hölle gegangen. Es hat uns alle innerlich zerfleischt. Wenn Missjö heute abendlich schreit oder jedes Mal, wenn ich das Froillein vom Kindergarten abhole und die Erzieherinnen mitleidig lächelnd meinen, er würde viel schreien, dann kann ich darüber nur lachen. Ihr wisst alle nicht, wie das mit der Großen war. Schreimarathon Tags und Nachts. Was heute geblieben ist, ist die Traurigkeit darüber, ihr nicht geholfen zu haben. Vielleicht hätten wir mehr recherchieren müssen, mehr Ärzte aufsuchen müssen, mehr Meinungen einholen…

 

 

 

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