Horrortrip

Kinder können einen in den Wahnsinn treiben. Das weiß wohl jeder, der schon eins hat. Dass sie das sogar pränatal schaffen, ist wirklich erstaunlich.

Mein Schlaf ist ja nun bekanntermaßen nicht der allerbeste. Nachts muss ich mehrmals auf Toilette, der Bauch stört beim Schlafen, der kleene Schlawiner strampelt die ganze Nacht durch oder meine Hirnwindungen ziehen ein ähnliches Sportprogramm durch. Es gibt tausend Gründe, nicht schlafen zu können. Die vergangenen Nächte waren allerdings entspannter. Heute bin ich in den frühen Morgenstunden aufgewacht und wunderte mich, über diese Stille in meinem Bauch. Normalerweise wacht Misjö mit mir auf, verpasst mir einen Leberhaken, wenn ich mich drehe oder von der Toilette wiederkomme. Nichts. Stille. Also noch mal gedreht, nach links, nach rechts, mit Schwung. Nichts. OOOOOOkeyyyyy. Mein Herz begann schon zu rasen. Das sollte eigentlich reichen, um den Schlawiner zu wecken. Nichts. Gut, dann die harte Nummer. Einmal, zweimal, dreimal die Wampe hin und her geschubst. Nichts. Am Popo stupsen brachte auch kein erlösendes Signal. Jetzt war ich soweit. Panik! Als ob ein Staudamm aus Angst über mir gebrochen wäre. Es gab für mich nur noch diese eine Möglichkeit. Keine andere Option. Ich hyperventilierte. Versuchte meinen Mann kurz nach fünf auf dem Handy zu erreichen (ich bin derzeit ohne ihn bei meinen Eltern auf Haussuche). Dann bin ich durchs Zimmer gerast, die Treppe runter, hab meine Eltern geweckt und gesagt, was ich befürchte. Kurz vor halb sechs saßen wir im Auto aufm Weg ins Krankenhaus. Bis dahin noch weitere vergebliche Weckversuche. Mein Körer geflutet von Angst, Panik, furchtbarsten Gedanken.

Drei Kilometer Autobahn und der Herr bequemt sich, endlich, endlich, endlich, einen Fuß rauszustrecken. Boah! Mein Gott war ich erleichtert! Und bin es immernoch! Dann hab ich erst Mal meine Mutter angerufen, die zu Hause beim kleenen Froillein geblieben ist. Entwarnung. Er bewegt sich und wer sich bewegt, ist nicht tot. Trotzdem sind wir weiter in den Kreißsaal gefahren. Dort wurde uns mit viel Verständnis und Ruhe begegnet. Das CTG erhielt 9 Punkte und der Ultraschall zeigte einen propperen Schlawiner von gerechnet 2300g. Ein bisschen wenig Fruchtwasser habe ich wohl und soll nun mehr trinken. Ansonsten gibt es keinen Grund zur Beunruhigung. Die Plazenta machte ebenfalls einen guten und noch fitten Eindruck.

Jetzt bin ich von dem Adrenalinstoß ersteinmal total erledigt. Unendlich glücklich, meinen kleenen Schlawiner noch bei mir zu haben. Dieser frühmorgendliche Horrortrip hat mir gezeigt, dass es sich überhaupt nicht lohnt, sich wegen so nichtiger Dinge, wie blöde Arbeit oder dämliche Haussuche aufzuregen. Das sind alles Probleme, für die es hunderte Lösungen gibt. Wenn man ein Kind/einen Menschen verliert, dann gibt es einfach nichts, was das reparieren könnte.

Gedanken mache ich mir trotzdem, wie ich meine Ängste bändigen soll. Das war nach langer Zeit wieder der erste totale Kontrollverlust. Dabei habe ich mich in dieser Schwangerschaft viel weniger von meinen Befürchtungen kirre machen lassen. Vielleicht waren das in letzter Zeit auch zu viele Trigger, die mein Unterbewusstsein verarbeiten musste. Eine meiner „Besuchs“heilpraktikerinnen machte mir ein schlechtes Gewissen, wegen meiner blondierten Haare. Eine Patientin von ihr hätte drei Fehlgeburten gehabt, nachdem sie sich die Haare gefärbt hatte. Dann ist meine erste biochemische Schwangerschaft mit frühem Abgang nun genau zwei Jahre her. Letzte Woche sprach mich eine Kollegin auf den Verlust meines Arbeitsgebietes an und was sich unser Arbeitgeber dabei denken würde, mich noch vor Geburt des Kindes quasi auszumustern. Schließlich müsste ich im Falle einer Totgeburt schnell wieder an den Arbeitsplatz zurückkehren können. Und -zack- ein paar unbedachte Kommentare später, halte ich die Kreißsaalbelegschaft und die halbe Familie mit meiner überbordenden Sorge auf Trapp. Dazu die vielen Erinnerungen an stille Geburten während meiner Ausbildung, die ich direkt oder indirekt mitbekommen habe…da steckt der Stachel der Angst besonders tief…

 

 

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