Durch die Blume

Es gibt viele Gründe die Phalaenopsis zu hassen. Das Arschgeweih unter den Fensterbank-Topfpflanzen. Wohl kaum ein Haushalt, der durch die Rentenkasse finanziert wird, kommt ohne diese tentakelige Grünzeug aus, das es gerade mal zwei Wochen im Jahr schafft, ein exotisches Flair durch seine alienhaften Blüten ins Wohnzimmer zu zaubern. Die restlichen 350 Tage vegetiert ein länglicher Topf mit seinem kompostartigen Inhalt bei uns herum und ich versuche, ihn in irgendeinem verborgenen Winkel des Hauses zu verstecken, damit der Energiefluss im Wohnraum nicht zu stark gestört wird. Wie wahrscheinlich alle Sozialleistungsbereitsteller, sind wir durch nettgemeinte Geschenke zu den Spießer-Orchideen gelangt. Die eine oder andere gelangte als Adoptionspflanze nach Umzügen von Freunden zu uns, in deren Umzugswagen für diese eine Pflanze kein Platz mehr war.

Mein neuester Fensterbankschmarotzer wurde mir jedoch auf der vergangenen Kick-off-Tagung beinahe schon zeremoniell überreicht. Obwohl Phalaenopsis nach nichts riechen, verströmte sie dabei den Geruch von Verrat und Hinterfotzigkeit. Denn ich wurde unter den Augen der gesamten Außendienstbelagschaft plus Chefetage und Geschäftsführung nach vorne gebeten und unter Tränen von meinem Regionalverkaufsleiter verabschiedet, als gehörte ich zu den 4 von 100.000 Frauen, die bei der Geburt sterben und nicht zu jenen, die nach ihrer Elternzeit wieder auf ihre Stelle zurückkehren. Schon im Vorfeld hatte sich über den Buschfunk verbreitet, dass meine vermeintliche „Elternzeitvertretung“ mein Gebiet fest übernehmen würde. Nach dieser peinlichen Topfpfanzen-Inszenierung machten die Verantwortlichen einen großen Bogen um meine kugelbäuchige Wenigkeit. Erst am Ende der Tagung kam die Außendienstleitung mit ihrem grenzdebilen Dauergrinsen auf dem Pfannkuchengesicht auf mich zu, wünschte mir alles Gute, laberte was von, in einem Jahr könne sich viel ändern und „wir bei XX Pharma machen alles möglich“.

Ja, sie machen tatsächlich alles möglich. Sogar, schwangeren Frauen noch vor Beginn des Mutterschutzes die Stelle wegzunehmen. Chapeau! Für ein familiengeführtes Unternehmen ist das wirklich….erstaunlich enttäuschend. Und ja, sie können damit durchkommen. Denn wie im Außendienst üblich, steht auch in meinem Vertrag, dass ich im Prinzip kein Anrecht auf die Bearbeitung „meines“ Gebietes habe. Nach der Elternzeit kann mich die Firma an der Ostsee oder in Vietnam einsetzen und mir bliebe nichts anderes übrig, als zu kündigen. Das ist zumindest das Vorgehen, wenn man sich keinen Anwalt nimmt.

Nach dem Dilemma mit dem gescheiterten Hauskauf und Umzugsplänen, habe ich mich getröstet, wenigstens eine feste Stelle zu haben, auf die ich nach der Elternzeit hätte zurückkehren können. Nun ist mir auch das kaputt gemacht worden. Und nun stehe ich fast genauso schlecht da, wie damals, als ich mit dem kleenen Froillein schwanger war. Immerhin bekomme ich jetzt mehr als 300€ Elterngeld. Trotzdem heißt das für mich, mich in ca neun Monaten wieder neu bewerben zu müssen. Wieder habe ich den Stress und die Zukunfstängste…und all das, ohne in meine Heimat zurückgekehrt zu sein.

Aber wer will schon für eine Firma arbeiten, der man noch nicht mal den Übertopf für eine geschenkte Pflanze wert ist?

 

 

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