Nestbautrieb – ein Jammerpost aus dem Leben

Mein Nestbautrieb scheint weniger schwangerschaftsbedingt, als vielmehr meinen Zukunftsängsten geschuldet zu sein. Schon als wir vor über vier Jahren ins Südbadische zogen, haben wir begonnen nach einem Eigenheim zu suchen. Schnell mussten wir jedoch feststellen, dass wir hier mit unseren becheidenen Finanzen trotz bester Zinspolitik bis zum Sankt Nimmerleinstag abbezahlen müssten. Uns fehlt es trotz Doppeleinkommen schlicht an Eigenkapital. Dazu kommt, dass ich mir irgendwann bewusst wurde, auf keinen Fall in Badischen Boden begraben werden zu wollen. Vergangenes Jahr entpuppte sich unser Vermieter dann als Janusgesichtiger Korinthenkacker, der zwar viel fordert, sich aber wenig um unser Wohlergehen sorgt. So ließ er uns über Wochen mit einem rußenden Ofen sitzen, der -wie sich rausstellte- seit Installation vor über zehn Jahren noch nie gereinigt wurde. Nun hat er sich wieder für die „jährliche Hausbesichtigung“ angekündigt und ich bin diese Schikane einfach leid. Ich möchte einfach nicht, dass der hausbesitzer und seine Frau meine Bettwäsche begutachten und mir Putztipps geben. Und ich bin sicher, kein erwachsener Mensch möchte das! Hinzu kommt, dass ich die Sorge nicht loswerde, nach Froilleins Einschulung von ihm wegen Eigenbedarfs vor die Tür gesetzt zu werden. Genug erwachsene Kinder hat er, die Anspruch auf das Haus erheben könnten. Der Wohnungsmarkt ist umkämpft und es ist aussichtslos hier im Ort etwas vergleichbares zu finden.

Somit habe ich beschlossen, vor Schuleintritt unserer Erstgeborenen wieder in meine Heimat zurück zu kehren. Die Bedingungen sind offensichtlich schwierig und mittlerweile fürchte ich, das Unterfangen ist gänzlich unmöglich. Zuerst einmal wäre da unsere Jobsituation. Für mich wird es nach der Elternzeit vermutlich kein Problem sein, eine Pharmareferenten-Stelle in meiner Heimat zu finden. Sicher unter weniger komfortablen Bedingungen, dafür hätte ich allerdings Unterstützung durch meine Eltern. Das Arbeitsleben im Osten ist hart. Für eine vergleichbare Stelle muss man meiner Erfahrung nach 120% bis 150% mehr Einsatz bringen. Im Außendienst schlägt sich das vorallem durch die Fahrtzeit in extrem großen Gebieten nieder. Für meinen Mann sehe ich deutlich schlechtere Chancen. Mit seinen unflexiblen Jobvorstellungen könnte er als Langzeitarbeitsloser enden. Während man im Westen schon halb verwest sein muss, um keine Arbeit zu finden, reicht es im Osten, Ansprüche zu haben. Seine Stelle läuft ohnehin im November ´20 aus. Danach wird es sowieso schwierig, die Miete von 18.000€ im Jahr zu wuppen.

Nun glaubte ich, in meiner Heimat recht günstig an eine Immobilie zu kommen. Das würde uns -so glaubte ich- weit weniger im Monat kosten, als Miete zu zahlen. Notfalls könnte ich das als Alleinverdiener schaffen. Als wir nach Freiburg zogen, konnte man in meiner Heimatstadt für 150.000€ ein bezugsfertiges Haus mit Grundstück kaufen. Tja….nun haben sich die Zeiten geändert. Dank Nullzinspolitik, den Leipzig-Hype, eine starke Konjunktur und Baukindergeld, ist der Immobilienmarkt selbst im Großraum Leipzig wie leer gefegt. Es gibt nur noch Betonschrott zu Mondpreisen. Also ähnlich wie hier. Noch dazu haben wir in den vergangenen Jahren wegen der hohen Mietausgaben nur mäßig Eigenkapital bilden können. Schlussendlich sind wir ärmer dran, als jeder zurückgebliebener Ossi.

So schnell wollte ich mich nicht geschlagen geben und schicke meinen frischberenteten Vater von einer Hausbesichtigung zur nächsten. Mit dem oben genannten Ergebnis: Zu viel Geld für zu wenig Substanz. Wenn doch etwas in Frage kam, konnten wir von badischen Arsch der Welt nicht schnell genug reagieren und -zack- war das Haus schon weg. Große Hoffnung habe ich auf meinen letzten Heimatbesuch nach Weihnachten gesetzt. Drei Häuser haben wir uns angeschaut. Bei einem war für die Viertelmillion eine Spinnen- und Schimmelzucht im Keller inklusive, das zweite bestach durch DDR-Charme zu einem kapitalistischen Preis. Und das dritte war echt richtig toll. Ich war total begeistert, wusste aber auch, dass es etliche weitere Interessenten gab. Ich versuchte mit offenen Karten zu spielen und fragte die Maklerin, nach welchen Kriterien entschieden wird, wer das Haus bekommt. Sie meinte, wer bereit ist, dem Eigentümer die geforderte Summe von 185.000€ zu zahlen und am schnellsten die Finanzierungsbestätigung vorlegen kann, bekäme das Haus. Auf ein Bieterverfahren angesprochen, meinte sie, dass sie das nicht wolle. Ich wähnte mich sicher, da mit unserer Bank alles geklärt ist und versprach ihr die Kreditzusage für Montag (die Besichtigung war Samstags). Am Montag schickte mir meine Bankberaterin auch alle erforderlichen Unterlagen. Die Maklerin begann bereits, alles für uns auszufüllen und schickte uns den Grundbucheintrag. Einen Tag später bekam ich eine Mail, dass sich der Eigentümer für jemand anderen entschieden hätte. Auf Nachfrage wurde uns gesagt, der Interessent hätte 2500€ mehr geboten. Ok, dachte ich mir, der Herr K. aus K. scheint es aber ganz schön nötig zu haben. Irgendwie erfüllte es mich aber auch mit Stolz, dass jetzt auch der letzte Kack-Ossi begriffen hat, wie Kapitalismus funktioniert. Man muss die Kuh melken, solange sie Milch gibt. Erst recht, wenn vermeintliche Westdeutsche mit von der Partie sind. Die hams ja und die kann man ruhig n bissel schröpfen. Scheiß auf Sympathien. Das Einzige, was zählt, ist die kalte Zahl auf dem Papier. Wen interessieren schon persönliche Schicksale. Erst kommt das Fressen, dann die Moral.

Nun, so habe ich also den ganzen Abend mit meinen Mann diskutiert, wie wir uns verhalten sollen und wir einigten uns darauf, an unsere Schmerzgrenze zu gehen und boten 193.000€. Wenn der Besitzer schon bei 2500€ weiche Knie bekommt, wird er doch bei dieser Summe in extatische Zustände verfallen. Ich hingegen knallte auf den Boden der Tatsachen. Mir war klar, dass wir das Haus sehr wahrscheinlich auch auf diesen Weg nicht bekommen würden. Das ganze Wochenende habe ich im Bett gelegen und geheult. Über diese fiesen Menschen und unser Unglück im Allgemeinen. Dass für uns nichts einfach ist, dass wir immer für alles kämpfen müssen, dass in diesem scheiß Staat die fleißigen bestraft werden, dass ich immer die falschen Entscheidungen treffe, dass ich auf der falschen Seite der Mauer geboren wurde…

Und so sollte es auch sein. Heute kam die Mail, die anderen hätten 200.000€ geboten. Damit ist der Drops für mich gelutscht. Und es bleibt ein bitter-süßer Geschmack von Genugtuung zurück. Schließlich müssen unsere Konkurenten jetzt ordentlich tief in die Tasche greifen. Insgesamt belaufen sich jetzt die Kosten mit Instandsetzung für ihr Eigenheim auf mindestens 300.000€. Vorausgesetzt, es gibt unsere Mitbieter überhaupt. Falls nicht, dann hören wir vermutlich bald wieder von der „Traumimmobilie“ in K.

Natürlich frage ich mich, was ich eigentlich falsch gemacht habe. Mein Mann und ich haben beide eine akademische Ausbildung, wir gehen beide Vollzeit arbeiten und sind nicht in der Lage, uns Wohneigentum zu leisten. Wir können uns noch nicht mal unseren Wohnort aussuchen. Wahrscheinlich sind wir einfach zur falschen Zeit geboren und ich zusätzlich am falschen Ort. Kein Eigentum, kein Erbe, schlechtes Einkommen, hohe Ausgaben, Vermögensbildung unmöglich, ein Staat der die Fleißigen bestraft und die Nichtsnutze mit Almosen bei Laune hält. Wer hier ein gutes Auskommen haben will, muss entweder ne Menge Kinder in die Welt setzen oder als Kind von jemanden, der zur richtigen Zeit am richtigen Ort war, geboren worden sein.

Nun bin ich total perspektivlos. Ich weiß nicht, wo ich mein Baby entbinden soll, ich weiß nicht, wie lange ich Elternzeit beantragen soll und ob ich überhaupt wieder an meinen Arbeitsplatz zurückkehren werde. Im Kopf war ich schon längts wieder zu Hause. In 8-12 Wochen kommt der kleine Schlawiner auf die Welt. Wahrscheinlich muss ich alleine in den Kreißsaal, weil wir hier niemanden haben, der sich um das kleene Froillein und den Hund kümmert. Eine Hebamme habe ich natürlich auch nicht. Klar würden meine Eltern her kommen, aber wieviel Wochen vor Termin sollen die dann hier bei uns „einziehen“?

Fortsetzung folgt….

 

2 thoughts on “Nestbautrieb – ein Jammerpost aus dem Leben”

  1. Verzwickte Situation. Und der Vermieter klingt ziemlich gruselig 🙈.

    Bringt euch ein Umzug an „die Grenze“ weiter? Arbeiten im Westen und wohnen im Osten? Das wäre für Notfälle zumindest heimatnäher und der westdeutsche Arbeitsmarkt stünde deinem Gatten weiterhin zur Verfügung… zumal es hier erschwinglichere Mieten und noch ein paar Immobilien gibt.

    LG „aus der Zone“ 😘😁

    1. Momentan ist das leider keine Option. Wir haben auch kurz überlegt in seine alte Heimat zu ziehen, da die Lüneburger Heide ebenfalls noch bezahlbaren Wohnraum bietet bei gleichzeitiger Nähe zu Hamburg, Hannover und seiner Family. Aber dort hätten wir auch wieder null Sozialkontakte und die Leipziger „Infrastruktur“ fehlt mir enorm…

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.